Individualsoftware statt Abo? Was der KI-Nachbau der Creative Cloud zeigt

Monatsende, die Kreditkartenabrechnung liegt auf dem Tisch. Zwischen den üblichen Posten stehen fünf Software-Abos, und bei zweien weiß keiner mehr so genau, wer sie eigentlich nutzt. Gleichzeitig liest du überall von ArtCraft: Ein einzelner Entwickler hat mit KI die halbe Creative Cloud nachgebaut und verschenkt sie. Da liegt die Frage nahe, ob Individualsoftware statt Abo jetzt für jeden drin ist. Die ehrliche Antwort: für Photoshop nicht, für deinen eigenen Ablauf vielleicht schon.
Was hinter ArtCraft steckt
Brandon Thomas ist Softwareentwickler aus Atlanta, mit rund 15 Jahren Berufserfahrung, früher Ingenieur bei Square und Gründer von Storyteller.ai. Anfang Oktober 2026 hat er ArtCraft veröffentlicht, kostenlose Open-Source-Nachbauten von sieben Adobe-Programmen. PhotoCraft soll Photoshop ersetzen, VectorCraft den Illustrator, FilmCraft Premiere. Dazu kommen Gegenstücke zu Lightroom, After Effects, InDesign und Acrobat, später auch zu Word, PowerPoint und Excel.
Geschrieben ist das Ganze in der Programmiersprache Rust, und den Großteil des Codes hat das KI-Modell Claude Opus 5.5 von Anthropic erzeugt. Der erste Stand ging am 30. September auf GitHub. Wenige Tage später lagen dort lauffähige Programme für Windows, macOS und Linux. Laut t3n arbeitet inzwischen ein Team aus vier Leuten daran.
Der Auslöser? Ärger. Adobe habe ihm mehrfach eine Kündigungsgebühr berechnet, schreibt Thomas. Er ist damit nicht allein: Im März 2026 hat Adobe sich mit der US-Regierung auf einen Vergleich über 150 Millionen US-Dollar geeinigt, wegen genau solcher versteckten Gebühren.
Die Resonanz war gewaltig. Bis Mitte Oktober sammelte das Projekt über 60.000 Sterne auf GitHub, auf Hacker News wurde tagelang diskutiert.
Große Ankündigung, kleinlauter Nachsatz
Thomas versprach anfangs „100 Prozent Funktionsgleichheit in einem Monat“ und schrieb dazu, Software sei vorbei. Ein paar Tage später klang das auf Hacker News anders: Es dauere Monate, nicht Jahre, und die Programme seien längst nicht fertig.
Wie weit sie davon entfernt sind, zeigen die Statusberichte des Projekts selbst. PhotoCraft wird dort für den professionellen Einsatz als Photoshop-Ersatz mit rund 45 Prozent bewertet. Von 256 Photoshop-Dateien im Test sah gut die Hälfte, nämlich 133, exakt so aus wie im Original. Die Word-Alternative wurde noch gar nicht an echten Dokumenten ausprobiert. Erste Tester berichten von Abstürzen.
Hinzu kommt das Recht. Adobe hält tausende Patente, und ob der Nachbau wirklich ohne fremden Code entstanden ist und einer Prüfung standhält, hält der Jurist Andres Guadamuz für offen.
Und Adobe? Das Unternehmen meldete für das Quartal bis September einen Rekordumsatz von 6,76 Milliarden US-Dollar, 13 Prozent mehr als im Vorjahr. Das Abo-Geschäft bricht also nicht über Nacht weg.
Ein Strohfeuer ist ArtCraft trotzdem nicht. Dass eine Handvoll Leute in wenigen Wochen überhaupt so weit kommt, mit Programmen, die sich öffnen lassen, Dateien laden und auf drei Betriebssystemen laufen, hätte vor zwei Jahren kaum jemand für möglich gehalten.
Was KI an der Softwareentwicklung billig macht und was nicht
Code zu schreiben ist mit Modellen wie Claude billiger geworden. Wir merken das jeden Tag. Oberflächen, Datenmodelle und Standardfunktionen entstehen in einem Bruchteil der Zeit, die sie früher gekostet haben.
Teuer bleibt alles, was vor und nach dem Code passiert. Jemand muss herausfinden, was wirklich gebraucht wird. Das ist ein Gespräch, kein Prompt. Bestehende Dateiformate und Schnittstellen müssen bis in die letzte Ecke stimmen, denn eine Datei, die fast richtig gelesen wird, ist im Alltag eine kaputte Datei. Getestet wird mit echten Daten, mit Umlauten in Dateinamen und mit dem einen Kunden, dessen Adresse drei Zeilen hat. Und danach muss das Ganze laufen, gesichert und aktualisiert, Monat für Monat.
Genau an diesen Stellen hängt ArtCraft gerade. Nicht beim Programmieren, sondern bei Dateiformaten und Rechtsfragen.
Deine Software-Abos nüchtern prüfen
Bevor du über eigene Software nachdenkst, lohnt ein Blick auf das, wofür du schon zahlst. Die Creative Cloud kostet im Pro-Abo laut t3n rund 78 Euro im Monat. Für eine Grafikerin, die jeden Tag damit arbeitet, ist das gut angelegtes Geld. Für ein Büro, das zweimal im Monat ein Foto zuschneidet, eher nicht.
Fang mit einer Inventur an. Schreib alle Abos untereinander, dazu, wer sie nutzt und was sie im Jahr kosten. Bei jedem Posten notierst du die zwei oder drei Funktionen, die wirklich gebraucht werden. Meist ergeben sich daraus von selbst drei Stapel: behalten, kündigen oder durch etwas Günstigeres ersetzen, und ein kleiner Rest, bei dem kein Standard so recht passt.
Standardsoftware bleibt dabei in vielen Bereichen die richtige Wahl. Für Buchhaltung, Office oder professionelle Bildbearbeitung gibt es ausgereifte Programme mit Support, und niemand sollte sein Adobe-Abo kündigen, um auf eine Alpha-Version umzusteigen.
Individualsoftware statt Abo: wo der eigene Weg sich lohnt
Bleibt der Rest. Gemeint sind die Abläufe, bei denen du für ein großes Programm zahlst und trotzdem jede Woche mit Excel-Listen und langen E-Mail-Ketten nachhilfst, weil das Programm für einen anderen Betrieb gebaut wurde als deinen.
Photoshop musst du dafür nicht nachbauen. Du brauchst die wenigen Funktionen, die deinen Ablauf tragen, und keine einzige mehr. Eine so schmale Lösung war früher oft zu teuer, weil allein das Programmieren Monate gedauert hat. Heute fällt dieser Teil deutlich kleiner aus, und das Budget fließt in das, was den Unterschied macht: deinen Prozess verstehen, mit echten Daten testen, sauber betreiben.
Wir starten solche Vorhaben deshalb immer klein, mit einem einzigen Ablauf und den Menschen, die ihn täglich nutzen. Mehr zu diesem Vorgehen steht im Beitrag MVP im KMU: klein starten, schnell lernen.
Ein Beispiel aus unserer Arbeit: FlurWerk
Wie das im Kleinen aussieht, zeigt FlurWerk. Ein Maklerbüro aus Kiel wollte Flurkarten fürs Exposé, ohne sich jedes Mal bei einem Portal mit Konto und Abo anmelden zu müssen. Daraus ist in rund drei Wochen ein eigenes Produkt geworden, das genau eine Sache macht: Es liefert die Flurkarte als PDF, für 13,90 Euro netto pro Karte. Mehr kann es nicht.
Programmiert war das schnell. Mehr Zeit ging in den Abgleich mit einer echten, gekauften Flurkarte, in AGB und Datenschutz und in eine Kaufstrecke, die auch am Handy funktioniert. Es ist dieselbe Lehre wie bei ArtCraft, nur in einem Maßstab, der sich für ein KMU rechnet, weil am Ende ein Werkzeug steht, das eine einzige Aufgabe zuverlässig erledigt statt hundert Aufgaben halb.
Was du jetzt tun kannst
Nimm dir eine Stunde für die Abo-Inventur. Mehr braucht es nicht. Wenn danach ein Ablauf übrig bleibt, für den du zu viel zahlst oder um den dein Team herumarbeitet, schauen wir gern gemeinsam drauf. Wir sagen dir ehrlich, ob ein Standardprogramm reicht oder ob sich eine kleine eigene Lösung lohnt. Mehr dazu findest du bei unserer individuellen Softwareentwicklung.
Häufige Fragen
Ist ArtCraft heute eine echte Adobe-Alternative?
Für den Einsatz im Unternehmen noch nicht. ArtCraft ist eine frühe Alpha-Version, Tester berichten von Abstürzen, und viele Dateien werden noch nicht exakt dargestellt. Der Entwickler selbst rechnet mit Monaten bis zur Reife.
Wird Software durch KI jetzt grundsätzlich billiger?
Das Programmieren selbst wird deutlich billiger. Gleich viel Aufwand bleibt bei der Klärung der Anforderungen und beim laufenden Betrieb. Am stärksten profitieren deshalb kleine, klar umrissene Lösungen.
Wann lohnt sich Individualsoftware statt Abo?
Wenn ein Standardprogramm nicht zu deinem Ablauf passt und dein Team mit Excel oder E-Mails nachhilft. Passt der Standard, bleib dabei. Eine eigene Lösung sollte klein anfangen und nur das können, was du wirklich brauchst.
Was kostet eigene Software nach dem Start noch?
Sie muss betrieben werden, mit Sicherungen und Updates, und gelegentlich angepasst werden, wenn sich angebundene Systeme ändern. Diese laufenden Kosten gehören von Anfang an in die Rechnung.
Wie fange ich mit der Abo-Inventur an?
Liste alle Abos mit Nutzern und Jahreskosten auf und notiere die zwei oder drei Funktionen, die tatsächlich gebraucht werden. Danach sortierst du in behalten, kündigen, ersetzen und den Rest, für den kein Standard passt.